Martin Mosebach glaubt an den Roman – den Roman im eigentlichen, französischen oder russischen Sinne, den Roman als die Anmaßung, ein Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, der gesamten Wirklichkeit, einer Gesellschaft, einer Epoche, eines Zustands, wie sie sich in einer Stadt, einem Viertel, einem Milieu oder einem Jahr verdichten.
Ich beginne mit einer etwas peinlichen Eröffnung. Zwischen vierzehn und achtzehn war ich Napoleon-Verehrer; in früheren Generationen wäre das kein seltenes Phänomen bei still verträumten jungen Männern gewesen, aber in der meinen blieb ich mit solchen Phantasien schon ziemlich allein; ich war an ein keinesfalls zu Unrecht vergessenes Werk geraten, Mereschkowskis Napoleon, in dem die tollsten Hypothesen vorgestellt wurden, etwa dass Bonapartes notorische Fettheit, seine geradezu weiblichen Brüste Beweis dafür seien, dass es sich bei ihm um eine Inkarnation des Gottes Dionysos gehandelt habe. Berauschtheit kennzeichnete also meine erste Beschäftigung mit der Geschichte, und die Gewohnheit, mich an historischen Stoffen zu berauschen, hielt auch noch eine Weile an, als ich nach dem großen B des Bonaparte auch A sagte und nach dem Anfang jener Zustände zu fragen begann, die den großen Mann hervorgebracht oder herbeigeschwemmt oder gar ausgespien hatten, wie ich nun allmählich erfuhr.

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